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Einflussreicher Forschungsansatz bei kriminalgeografischen Untersuchungen: der "Broken Windows"-Ansatz. Bildquelle: Thomas Max Müller / pixelio.de

Aufsatz zum Thema Gentrifizierung und Kriminalität

Prof. Dr. Jan Üblacker von der EBZ Business School ist Mitautor eines interessanten Beitrags, der nun erschienen ist.

Nimmt Kriminalität eigentlich ab, wenn ein Quartier eine Gentrifizierung erlebt? Leider sind die Zusammenhänge zwischen Gentrifizierung und Kriminalitätsentwicklung im deutschsprachigen Raum bislang weitgehend unerforscht. Doch falls man sich diesem Thema wissenschaftlich nähern will: Welche Theorien und Ansätze gibt es? Inwiefern können sie auf die Verhältnisse in deutschen Städten übertragen werden? Wie ist es um ihre begrifflichen, theoretischen, definitorischen Kompetenzen bestellt – was also braucht es, damit sie brauchbar im Sinne von anwendbar (operationalisierbar) werden? Diesem Thema mit seinen hochinteressanten Fragestellungen widmet sich ein neuer Journalbeitrag. Mitautor ist Prof. Dr. Jan Üblacker von der EBZ Business School, der seit Mitte 2020 die Vonovia-Stiftungsprofessur „Quartiersentwicklung, insbesondere Wohnen im Quartier“ innehat. Erstautor ist Dr. Tim Lukas, Soziologe und Akademischer Rat im Fachgebiet Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal.

Der vollständige Titel des Beitrags lautet „Gentrifizierung und Kriminalität. Theoretische Erklärungen und forschungspraktische Probleme“. Die Autoren gehen von Gentrifizierung als Begriff aus, der „den Austausch von statusniedrigeren Bewohnerinnen und Bewohnern eines Stadtviertels durch statushöhere Bevölkerungsgruppen“ beschreibt. Das impliziert soziale Umwälzungen, an deren Ende eine Homogenisierung der Bevölkerungsstrukturen steht. Gentrifizierung bedeutet aber auch immobilienwirtschaftliche, gewerbliche, infrastrukturelle und kulturelle Veränderungen, die als Indikatoren gelten können für eine quartiersbezogene Aufwertung. Welche Formen der Kriminalität könnten in diesen Zusammenhängen eine Rolle spielen? 

Kriminalgeografische Fragen im Fokus

Prof. Jan Üblacker und Dr. Tim Lukas nehmen zur Klärung Bezug auf drei prominente theoretische Ansätze und ihre empirischen Arbeiten. Die Theorien entstammen der reichen US-amerikanischen Forschungstradition, die kriminalgeografische Fragen zum Gegenstand hat, in der also Kriminalität im Kontext sozialräumlicher Bedingungen untersucht wird. 

Der erste Ansatz ist die „Theorie der sozialen Desorganisation“, die ihre Wurzeln in der Chicagoer Schule der Soziologie hat. Bereits in den 1920er Jahren ging man dort der Frage nach, warum manche Stadtteile eine höhere Kriminalitätsrate aufweisen als andere. Die erforschte Antwort: Je stärker die soziale Desorganisation – in dessen Verlauf die informelle soziale Kontrolle nachlässt –, desto stärker der Anstieg der Kriminalität. Dagegen begreift der zweite herangezogene Ansatz – der „Routine Activities“-Ansatz – Kriminalität als das Ergebnis eines raumzeitlichen Zusammentreffens von motiviertem Täter, geeignetem Zielobjekt und einem Mangel an effektiver Überwachung. Der dritte Ansatz wiederum – die sog. „Broken Windows“-Theorie – stellt die Bedeutung von abweichenden, nicht strafbewehrten Verhaltensweisen (z.B. Betteln oder Obdachlosigkeit) und Verwahrlosungserscheinungen (z.B. Graffiti oder Gebäudeleerstand) heraus, die sich negativ auf die soziale Organisation von Nachbarschaften auswirken und physisch-materiellen Abwertungsprozesse zur Folge haben.

Die Verfasser referieren nun, dass je nach Ansatz wünschenswerte oder weniger wünschenswerte Auswirkungen der Gentrifizierung auf die Kriminalitätsentwicklung erwartbar sind. Die Theorie der sozialen Desorganisation betrachtet die sozialen Strukturen als wesentliches Element der Kriminalitätskontrolle. Hiernach ließe Gentrifizierung eine soziale Homogenisierung und Stabilisierung des Quartiers erwarten - und damit weniger Kriminalität. In Bezug auf den Broken-Windows-Ansatz dürfte erwartbar sein, dass die physisch-materielle und soziale Abwärtsspirale umgekehrt wird. Legt man dagegen den „Routine Activities“-Ansatz zugrunde, müsste man im Zuge der Gentrifizierung mit einer erhöhten Attraktivität von Kriminalitätszielen rechnen. 

Bisland keine deutsche Forschungen zum Thema

Da es, wie eingangs erwähnt, keine nennenswerte deutsche Forschung zum Sujet gibt, ziehen die Autoren nun die US-amerikanischen Forschungsergebnisse zurate, was wiederum hoch interessant weil zunächst irritierend ist. So stellen mehrere auf den Theorien der sozialen Desorganisation basierende Studien fest, dass Gewaltkriminalität lokalräumlich zunimmt, wenn der soziale Status der Bewohnerinnen und Bewohner ansteigt! So stiegen beispielsweise in Baltimore zwischen 1970 und 1980 die Häufigkeitszahlen für Mord und schwere Körperverletzungen gerade in den Gebieten, in denen Zensusdaten steigende Immobilienpreise und höhere Bildungsabschlüsse der Bevölkerung nahelegen.

Nur: Können die anglo-amerikanischen wissenschaftlichen Konzepte und Arbeiten auf deutsche Verhältnisse übertragen werden? Hier schildern Dr. Tim Lukas und Prof. Jan Üblacker nun die faszinierenden forschungspraktischen und theoretischen Problemlagen. Es beginnt beispielsweise mit der Frage nach der Operationalisierung des Begriffs Gentrifizierung. Die fiel bereits in den vorliegenden Studien unterschiedlich aus und steht in Deutschland vor dem Hintergrund ganz eigener (z.B. datenschutz-rechtlicher) Spezifiken. Und was für Auswirkungen hat die Tatsache, dass Deutschland – anders als die USA – ein Mieterland ist? Welche Bedeutung ist dem Umstand zuzumessen, dass US-amerikanische Studien durchgängig ihren Schwerpunkt auf die Entwicklung von Mordraten legen – während Mord in Deutschland ein vergleichsweise seltener Tatbestand ist? Darüber hinaus spielt in den USA das Problem der Gang-Kriminalität, das ja eine ganz wesentliche territoriale Komponente aufweist, eine bedeutende, in Deutschland dagegen eine marginale Rolle.

An Ende ihrer Überlegungen betonen die Autoren, dass „Erkenntnisse zum spezifischen Wirkungszusammenhang von Gentrifzierung und Kriminalität einen bedeutenden Beitrag zur zukünftigen Konzeptualisierung der sozialräumlichen und städtebaulichen Kriminalprävention in Aufwertungsquartieren leisten können.“ Vor diesem Hintergrund stellt der Aufsatz von Dr. Tim Lukas und Prof. Jan Üblacker ein hochinteressantes Forschungsfeld vor und liefert wichtige Sondierungsarbeit. Man darf auf weitere Erkenntnisse gespannt sein. 

 

Literaturangabe 

Der äußerst lesenswerte Beitrag ist im vierteljährlich erscheinenden SIAK-Journal, der Zeitschrift für „Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis“, herausgegeben vom österreichischen Bundesministerium für Inneres, zu lesen.

Lukas, Tim/Üblacker, Jan (2020). Gentrifizierung und Kriminalität. Theoretische Erklärungen und forschungspraktische Probleme, SIAK-Journal – Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis (3), 62-74, Online: dx.doi.org/10.7396/2020_3_F.