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Bilanzstrukturanalysen im Gruppenwettbewerb deutscher Kreditinstitute (2014)

Seit dem Jahr 2008 haben sich die Zentralbanken großer Volkswirtschaften wie der Euro-Staaten, Großbritanniens, der U.S.A. und Japans auf eine nachhaltig zinssenkende Marktbeeinflussung verständigt. In der Konsequenz dieser weltweiten Geldpolitik befindet sich auch der deutsche Bankenmarkt in einer historisch ausgeprägten Niedrigzinsphase. Der Effektivzinssatz für Baufinanzierungen im Umfang bis zu 60 % des Beleihungswertes lag bei einigen Kreditinstituten im Juli 2014 zehnjährig gebunden unter 2 % (teilweise mit Mindestkreditvolumina). Bei allgemeinen Verwaltungsaufwendungen deutscher Kreditgenossenschaften und Sparkassen von ebenfalls knapp unter 2 %, kann das beispielhaft angeführte Kreditneugeschäft isoliert betrachtet keinen Ertrag erwirtschaften.

Alternativ investieren Kreditinstitute ihre Einlagen am Kerngeschäft vorbei an den Kapitalmärkten. Unter Risikogesichtspunkten investieren sie Kundeneinlagen primär an Anleihenmärkten, weniger bis gar nicht an Aktienmärkten u. a. (wie auch Versicherungen). Doch die expansive Geldpolitik der Zentralbanken bzw. die erhöhten Investitionsrisiken für Staatsanleihen mit hoher Staatsverschuldung und minderer Bonität haben internationale Investitionsmittel überproportional in deutsche Bundeswertpapiere fließen lassen. In der Konsequenz stiegen deren Kurse und fielen ihre Renditen sowie nachfolgend die Kupons bei Neuemissionen der Bundesrepublik Deutschland.

Eine Zinswende generell sowie im Baufinanzierungsmarkt ist bis heute nicht nachhaltig zu identifizieren, wohl aber temporär für Bundeswertpapiere als Treiber der Zinsmärkte. Doch wenn ein Kreditinstitut diesem margenreduzierenden Markteinfluss der Europäischen Zentralbank (EZB) gegenzusteuern versucht, sollte dem Institut einerseits spätestens seit dem Sommer 2012 die Politikdeterminiertheit der Märkte bewusst sein. Andererseits ist die EZB zinstheoretisch keinesfalls allein preisbestimmend, wie sogar das Handelsblatt am 28. August 2013 (Nr. 165, S. 27) notierte: „Die Zinsbildung ist eine komplexe Sache – und folgt einer ganzen Reihe von Faktoren. Auf einige dieser Variablen hat die EZB dabei wenig oder gar keinen Einfluss. Und sehr zum Missfallen der deutschen Sparer arbeiten viele dieser Kräfte zugunsten niedriger Zinsen.“ Als derart wesentliche Zinsbildungsdeterminante ist der intensive Bankenwettbewerb in Deutschland anzuführen.

In der Marktsituation zur Mitte des Jahres 2014 fokussieren deutsche Kreditinstitute zum einen das Firmenkundengeschäft speziell und zum anderen das Wohnungsbaukreditgeschäft. Die zwölf deutschen Sparda-Banken stehen dagegen vor dem Problem, historisch begründet und satzungsbedingt allein das Privatkundengeschäft bedienen zu dürfen. Insofern dürfte in ihren Kreditgeschäften weithin das Wohnungsbaukreditgeschäft überwiegen, allerdings im wettbewerbsintensiven und eben margenschwachen Baufinanzierungsgeschäft mit Privaten. Vor diesem Hintergrund prüfen einzelne Häuser der zwölf deutschen Sparda-Banken die Profitabilität unter Risikoberücksichtigung eines Einstiegs in das Firmenkundengeschäft wie die F.A.Z. am 26. Februar 2014 (Nr. 48, S. 12) berichtete. Hier könnten standardisierbare Wohnungsbaukredite mit Wohnungsgenossenschaften zielführend sein.

Wissenschaftlich stellt sich sodann die Frage, ob ein Fokus auf das Kerngeschäft von Retail-Kreditinstituten in diesen Marktphase einen Erfolgsfaktor darstellt oder ob dieser Erfolg eben durch die gerade kerngeschäftsferne Suche nach Kreditersatzgeschäften realisiert werden kann. Ein Blick in die Marktdaten der Bundesbank zeigt diesbezüglich zunächst widersprüchliche Entwicklungen für die letzten zehn Geschäftsjahre: Die Anzahl deutscher Retail-Banken sank um fast 25 %, die Zahl der Beschäftigten im gesamten Bankengewerbe nahm nachhaltig ab und Bankenschließungen ergänzen inzwischen das typische Fusionsverhalten bei drohenden Schieflagen. Trotzdem wuchs die Bilanzsumme der Retail-Häuser signifikant zweistellig! Schrooten (2013, S. 349)1  konstatiert daher für das gesamte Gewerbe: „Nach der Finanzkrise ist der Bankensektor in Deutschland – gemessen in seiner Bilanzsumme – größer und nicht kleiner geworden. […] Tatsache ist jedoch, dass das Kreditgeschäft schon längst nur noch eine mäßige Rolle für die Geschäftsbanken in Deutschland spielt. Es liegt seit 2010 nahezu konstant in einer Größenordnung von 3300 Mrd. Euro und damit 2012 bei gut 38% der Gesamtbilanzsumme des Bankensektors. Zum Vergleich 2005 betrug der Anteil noch 43%.“ In der Konsequenz fordert Schrooten (ebd., S. 350) „die Fokussierung der Geschäftsbanken auf ihr Kerngeschäft“.

Diese Überlegungen implizieren drei wesentliche Fragestellungen für das Retail-Banking vor dem Hintergrund der aktuellen Niedrigzinsphase:

  1. Gibt es Unterschiede bei strategischen Bilanzstrukturentwicklungen zwischen regional tätigen Kreditinstituten im deutschen Gruppenwettbewerb?
  2. Ist die Fokussierung auf das Kern(kredit)geschäft der Sparda-Banken (Wohnungsbaukreditgeschäfte) wirklich ein Erfolgsfaktor im Retail-Banking?
  3. Lässt sich die Ausweitung des Wohnungsbaukreditgeschäfts auf Geschäfte mit Wohnungsunternehmen für deutsche Sparda-Banken empfehlen?

1 Schrooten, M. (2013): Deutscher Bankensektor: Weiter Weg zum Kerngeschäft“. In: Wirtschaftsdienst, 93. Jg. (Heft 5), S. 348-350.

 

Forschungsfeld 3:Finanz- und Immobilienmärkte
Fördermittelgeber:Sparda-Bank Hamburg eG

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