Zweites EBZ Hochschulforum: Cities müssen Alleinstellungsmerkmale entwickeln!

Leerstände in den Cities, Shopping Center auf der grünen Wiese und der Konkurrenzkampf der Städte untereinander: Welche Chancen haben die Innenstädte des Ruhrgebiets? Beim Zweiten Hochschulforum an der EBZ Business School diskutierten Experten zusammen mit über 80 Teilnehmern über die Chancen und Grenzen der Innenstadtentwicklung.

Gerd Pieper, Präsident der IHK Mittleres Ruhrgebiet und Inhaber der Stadtparfümerie Pieper GmbH mit  Filialen in allen Städten des Ruhrgebiets, betonte, dass die Cities die „Schaufenster der Städte“ seien und forderte hohe Qualitäten der Innenstädte, die sich in der Konkurrenz zu gut gemanagten Einkaufszentren behaupten müssten. Pieper fasste die Anforderungen an zukunftsfähige Innenstädte in sechs Punkten zusammen: Erstens sei die Innenstadtentwicklung eine Gemeinschaftsaufgabe, die als Private-Public-Partnership zu organisieren sei. Zweitens müssten Innenstädte zu Erlebnisräumen werden – das Bochumer Bermuda-Dreieck sei dafür ein gutes Beispiel. Drittens müsse die „Uniformitätsfalle“ vermieden werden – jede City brauche städtebauliche Qualitäten und Leuchttürme, die ihr ein eigenes Gesicht geben. Viertens sei die Erreichbarkeit mit dem PKW eine unverzichtbare Bedingung – Dauerbaustellen oder gar Rückbau der zentralen Zufahrtsachsen (wie in Bochum geschehen) schadeten der City. Fünftens sollten die Cities eine Aufenthaltsqualität, Sauberkeit und Sicherheit bieten, wie sie bei Shopping-Centern Standard seien. Und sechstens benötigten die Innenstädte Flächenkonzepte, um strukturiert in die Zukunft zu gehen.


Durch Piepers Thesen herausgefordert, präsentierte Dr. Ernst Kratzsch, Stadtbaurat der Stadt Bochum, den Masterplan Innenstadt, der nicht weniger als 43 aktuelle Investitionsvorhaben einschließlich der vier Großprojekte Gerichtsquartier, Innenstadt West, Hauptbahnhof und Viktoriaquartier aufweist.  Dr. Kratzsch sah den entscheidenden Erfolgsfaktor im öffentlichen Dialog – denn Investoren wollen wissen, was in der Nachbarschaft ihrer Projekte geschieht, bevor sie ihre Projekte realisieren. Schließlich seien auch gute Projekte gefragt, um einer einseitigen Konzentration auf Probleme wie Nokia und Opel entgegenzuwirken.


„Die Bochumer Innenstadt ist overshopped“ stellte Eckhard Brockhoff, geschäftsführender Gesellschafter der Immobiliengesellschaft Brockhoff & Partner und exzellenter Marktkenner, fest. Es gebe zu viel Schaufensterfläche, und viele der Immobilien seien nicht mehr marktfähig. Um auf vermarktungsfähige Ladenflächen zu kommen, sei die Zusammenlegung von Ladenlokalen sinnvoll. Außerdem müsse in die Immobilien investiert werden. Brockhoff sprach sich klar gegen ein neues Einkaufszentrum in Bochum aus. Es mache keinen Sinn, Schaufenstermeter zu vermehren, während die Einwohnerzahlen sinken. Ein neues Einkaufscenter in der Bochumer City würde florieren, die Innenstadt aber veröden, zeigt sich Brockhoff überzeugt. Vor allem aber müsse die Entscheidung über ein Center schnell gefällt werden – denn die Diskussion über das Einkaufszentrum bringe Verunsicherung bei Eigentümern und Einzelhändlern und Investitionsentscheidungen würden aufgeschoben.

Prof. Dr. Volker Eichener, Rektor der EBZ Business School, präsentierte eine Modellrechnung, nach der das Einzelhandelsvolumen, bedingt durch den demographischen Wandel, aber auch die Verlagerung der Einkaufsgewohnheiten, in den  Innenstädten und Stadtteilzentren in Zukunft erheblich schrumpfen werde. Zusätzlich würden Mittel- und Stadtteilzentren unter der Konzentration der Standorte leiden. Die Innenstädte kämen um einen Strukturwandel nicht herum. Chancen sah der Rektor in den Bereichen Gastronomie und Freizeit, Gesundheit sowie in urbanen Wohnformen, die nach Umfragedaten immer attraktiver werden. Stadtteilzentren sollten sich bei ihrer Entwicklung an ihrer Bevölkerungsstruktur orientieren. Je nach Bewohnerstruktur könnte die Perspektive „Urbanes Erlebniszentrum“, „Dorfplatz“ oder auch „Orientalischer Basar“ heißen. In US-amerikanischen Städten stellten hohe Migrantenanteile heute kein Negativmerkmal mehr dar: „Kulturelle Vielfalt ist eine Stärke.“ Der Strukturwandel der Cities und Stadtteilzentren erfordere eine Reduzierung der Einzelhandelsflächen, eine Optimierung der Immobilien und eine Nutzung freiwerdender Flächen für eine Steigerung der Attraktivität der Zentren. Weil die „atomistische“ Struktur der Immobilieneigentümer dazu aus sich heraus nicht in der Lage sei, schlug Eichener die Gründung eines „Cityfonds“ vor, um den Strukturwandel der Innenstädte zu unterstützen.


In der nachfolgenden Diskussion, die vom Hauptgeschäftsführer der IHK, Tillmann Neinhaus, geleitet wurde, herrschte Einigkeit, dass für eine erfolgreiche Innenstadtentwicklung die Zusammen¬arbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung notwendig ist. Einhellig kritisch wurde das Thema „Shopping Center“ gesehen. Wenn neue Einkaufszentren errichtet würden, sollten sie nur als Ergänzung zum bestehenden Sortiment dienen. Gerade Mittelstädte müssten sich ihrer Rolle bewusst sein und dürften nicht versuchen, den Oberzentren nachzueifern, sondern müssten ihre eigenen Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten und konsequent verfolgen. Darüber hinaus sollte man Wege finden, die Vorteile von Einkaufszentren –  Sauberkeit und Sicherheit, kostenfreie Parkplätze und Serviceangebote von der Gepäckaufbewahrung bis zur Kinderbetreuung – auch in Innenstädten zu etablieren. „Die Innenstädte brauchen ein Centermanagement“, brachte Prof. Eichener die Diskussion auf den Punkt. Immobilien- und Standortgemeinschaften seien dafür ein viel versprechender Ansatz, so die Erfahrung des IHK-Präsidenten Gerd Pieper.

Erfolgreiche Fortsetzung der Veranstaltungsreihe

Dass die Innenstadtentwicklung ein Thema ist, das auf großes Interesse stößt, zeigte sich am gut gefüllten Foyer der EBZ Business School. Über 80 Vertreter städtischer und regionaler Einrichtungen, Unternehmer und Studierende folgten der Einladung der Hochschule in Zusammenarbeit mit der IHK im mittleren Ruhrgebiet und beteiligten sich an der Diskussion. Damit ist auch die zweite Durchführung der Veranstaltungsreihe als Erfolg zu werten und man darf sich auf weitere spannende Diskussionen freuen, die in zukünftigen Hochschulforen folgen werden.

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